| Immer-gegenwärtige Bewußtheit |
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Das reine Selbst ist immer-gegenwärtiges Bewußtsein, auch wenn wir dessen Existenz bezweifeln. In dieser einfachen Wahrnehmung erkenne ich: ich bin mir meines Körpers bewußt; also bin ich nicht nur mein Körper, ich bin mir meines Geistes bewußt, also bin ich nicht nur mein Geist; ich bin mir meines Selbst bewußt, also bin ich nicht nur mein Selbst, Vielmehr nehme ich meinen Körper, meinen Geist, mein Selbst wahr. Das ist wahrhaft faszinierend: ich kann meine Gedanken sehen, also bin ich nicht diese Gedanken; ich bin mir der Körperempfindungen bewußt, also bin ich nicht diese Empfindungen; ich bin mir meiner Gefühle bewußt, also bin ich nicht nur diese Gefühle. Irgendwie bin ich das Subjekt, das dies alles wahrnimmt. Doch wer oder was nimmt wahr? Die Traditionen behaupten, das, was wahrnimmt, ist Geist, ist Gott, ist Buddha-Natur in ihrer Ganzheit. In anderen Worten: die letzte, unbedingte Wirklichkeit ist nichts, was gesehen werden kann, sondern ist das, was immer-gegenwärtig sieht. Und also ist dieses Bewußtsein nicht schwer zu erreichen, aber unmöglich zu vermeiden. Das, was sieht, kann nicht gesehen werden. Hören wir also auf, uns mit diesem oder jenem zu identifizieren. Dann bekommen wir eine Ahnung von der unendlichen Freiheit. Wir werden dann bemerken, daß diese einfache, immer-gegenwärtige Wahrnehmung vollkommen mühelos ist. Keinerlei Mühe macht es, Laute zu hören, Dinge zu sehen, die kühle Brise zu fühlen, und wir ruhen einfach in dieser mühelosen Wahrnehmung. Und wieder: dieser Zustand des zeitlosen Gegenwärtigseins ist nicht schwer zu erreichen, aber unmöglich zu vermeiden. Dinge, die gesehen werden, sind angenehm oder schmerzhaft, beglückend oder traurig, heiter oder beängstigend, - aber das, was diese Dinge sieht, ist weder beglückend noch traurig, weder heiter noch beängstigend, sondern einfach frei. Wenn ich ruhe als das, was zeitlos wahrnimmt, ist es um die Große Suche geschehen. Die Große Suche ist der Feind des immer-gegenwärtigen Geistes, eine brutale Lüge angesichts einer freundlichen Unendlichkeit. Die große Suche ist die Suche nach einer letzten Erfahrung, nach einer großartigen Vision, einem Paradies der Freuden, einer nie-endenden guten Zeit, einer machtvollen Einsicht, eine Suche nach Gott, nach der Göttin, nach dem Geist - aber Geist ist kein Objekt: Geist kann nicht begriffen, erreicht, gesucht oder gesehen werden - Geist ist das, was immer-gegenwärtig sieht. Wenn ich kein Objekt bin, bin ich die Gottheit selbst. Fange ich an zu suchen, höre ich auf, Gott zu sein; und die Katastrophe kann nicht dadurch behoben werden, daß ich nach noch mehr Objekten suche. Es geht darum, die immer-währende Bewußtheit klar zu erkennen. Das kostet keine Mühe. Ich bemerke einfach, daß es immer eine Wahrnehmung des Himmels gibt; ich bemerke einfach, da8 es immer eine Wahrnebmung der Wolken gibt; ich bemerke einfach, daß das immer-währende Wahrnehmen nicht schwer zu erreichen ist, aber unmöglich zu vermeiden. Wenn du dies verstehst, ruhe in dem, was versteht - und genau das ist Geist. Wenn du nicht verstehst, ruhe in dem, was nicht versteht- und genau das ist Geist. (Auszüge aus : Ken Wilber, The Eye of the Spirit) |