Dag Hammarskjöld
Aus: Zeichen am Weg.

Je treulicher du nach innen lauschst,
um so besser wirst du hören,
was um dich ertönt.
Nur wer hört, kann sprechen.
Führt hier der Weg zur Vereinigung der beiden Träume:
das Leben in Klarheit zu spiegeln,
in Reinheit zu gestalten?

Gott stirbt nicht an dem Tag,
an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben,
aber wir sterben an dem Tag,
an dem das Leben für uns nicht länger
von dem stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders durchstrahlt wird,
von Lichtquellen jenseits aller Vernunft.

Verkleidet ist das Ich,
das nur aus gleichgültigen Urteilen,
sinnlosen Auszeichnungen
und protokollierten "Leistungen" geschaffen ist.
Eingeschnürt in die Zwangsjacke des Naheliegenden.
Aus dem allem heraustreten,
nackt,
auf des Morgenlichts Klippe,
empfangen,
unversehrbar, frei:
im Licht, mit Licht, vom Licht.
Eins, wirklich in dem Einen.
Heraus aus mir selbst, dem Hindernis.
Heraus zu mir selbst, der Erfüllung.

Es ist nicht genug,
sich täglich unter Gott zu stellen.
Darauf kommt es an:
n u r unter Gott zu stehen.
Jede Zersplitterung öffnet die Tür für Tagtraum,
Geschwätz, heimliches Selbstlob, Verleumdung -
alle diese Aftertrabanten des Zerstörungstriebs.

Du bist nicht Öl noch Luft -
nur der Verbrennungspunkt, der Brennpunkt,
wo das Licht geboren wird.
Du bist nur die Linse im Lichtstrom.
Nur so kannst du das Licht entgegennehmen
und geben und besitzen.
Suchst du dich selbst in deinem eigenen Recht,
verhinderst du die Vereinigung von Luft und Öl in der Flamme,
raubst der Linse ihre Durchsichtigkeit. Weihe -
Licht oder im Licht zu sein,
vernichtet, damit es entstehe,
damit es sich sammle und verbreite.

Da sah ich,
daß es die Mauer nie gegeben hat,
daß das Unerhörte hier und dieses ist, nicht ein anderes,
daß Opfer hier und jetzt, immer und überall ist -
daß dieses “surrendered” Sein das ist,
was Gott von sich in mir sich gibt.

Wie Blindekuh-Spielen:
des Sehens beraubt,
spannen sich alle anderen Sinne,
um einen Weg zu suchen, sich zurechtzufinden,
mit den Händen über die Gesichter der Freunde zu tasten -
und so gewahr zu werden,
was schon immer mein war
und all die Zeit dort gewesen ist.
All die Zeit hätte ich wissen müssen,
daß es dort sei,
hätte ich die Binde nicht vor den Augen gehabt.

Einfachheit heißt,
die Wirklichkeit nicht in Beziehung auf uns zu erleben,
sondern in ihrer heiligen Unabhängigkeit.
Einfachheit heißt,
sehen, urteilen und handeln von dem Punkt her,
in welchem wir in uns selber ruhen.
Wie vieles fällt da weg!
Und wie fällt alles andere in die rechte Lage!
Im Zentrum unseres Wesens ruhend
begegnen wir einer Welt,
in der alles in gleicher Art in sich ruht.
Dadurch wird der Baum zu einem Mysterium,
die Wolke zu einer Offenbarung
und der Mensch zu einem Kosmos,
dessen Reichtum wir nur in Bruchteilen erfassen.
Für den Einfachen ist das Leben einfach,
aber es öffnet ein Buch,
in welchem wir nie
über die ersten Buchstaben hinauskommen.