ERMUTIGUNG in schweren Zeiten

Aus:
Etty Hillesum, Das denkende Herz, S.92

Es war heute morgen sehr trostlos im College. Aber doch nicht völllig  trostlos, einen Lichtblick gab es. Ein kurzes, zufälliges Gespräch mit Jan Bool in der kalten, engen Langebrugsteeg und an der Straßenbahnhaltestelle. «Was ist das im Menschen, das die anderen vernichten will?» fragte Jan verbittert. 

Ich sagte: «Die Menschen, ja die Menschen, aber denke daran, daß du auch zu ihnen gehörst.» Und gegen meine Erwartung gab er das zu, er, der bockige, mürrische Jan. «Und die Schlechtigkeit der anderen ist auch in uns vorhanden», predigte ich weiter. «Ich sehe keine andere Lösung, ich sehe wirklich keine andere Lösung, als sich dem eigenen Inneren zuzuwenden und dort all das Schlechte auszurotten. Ich glaube nicht mehr daran, daß wir an der äußeren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben. Das scheint mir die einzige Lehre dieses Krieges zu sein. Daß wir gelernt haben, das Übel nur in uns selbst zu suchen und nirgendwo anders.» 

Und Jan stimmte mir ausnahmsweise zu, er  war zugänglich und stellte Fragen, statt mir wie früher mit knochenharten sozialen Theorien zu kommen. Und er sagte: «Es ist so schäbig, sich seinen Rachegefühlen zu überlassen. Sein Leben nur auf den einen Augenblick der Rache auszurichten. Das nützt uns doch auch nichts.» 

Wir standen in der Kälte und warteten auf die Straßenbahn, Jan mit seinen großen lila-farbenen Winterhänden und Zahnschmerzen. Und es waren keineswegs Theorien, die wir verkündeten. Unsere Professoren sind verhaftet, wieder war ein Freund von Jan umgebracht worden, und noch viel anderes könnte man aufzählen. Und wir sagten zueinander: «Die Rachegefühle sind so schäbig.» Das ist heutzutage doch wirklich ein Licht - Blick.


Martin Buber, Gog und Magog Nachwort

...Es will mir jedoch scheinen, 
daß es in unserer Weltstunde überhaupt nicht darauf ankommt, 
feste Lehre zu besitzen, 
sondern darauf, ewige Wirklichkeit zu erkennen
und aus ihrer Kraft, 
gegenwärtiger Wirklichkeit standzuhalten.
Es ist in dieser Wüstennacht kein Weg zu zeigen.
Es ist zu helfen,
mit bereiter Seele zu beharren,bis der Morgen dämmert
und ein Weg sichtbar wird,
wo niemand ihn ahnte.